Die Zahlen sind erschreckend. Immer mehr US-Amerikaner leiden unter der bipolaren Störung. Selbst bei Kindern scheint die Manische Depression, wie das Seelenleiden früher genannt wurde, immer häufiger aufzutreten. Dabei gingen Experten lange Zeit davon aus, dass bipolare Störungen nicht vor dem Erreichen des Jugendlichenalters auftreten. Dass die Krankheit nun immer häufiger bei Kindern, schon bei Fünfjährigen diagnostiziert wird, begründen einige Ärzte mit früheren Fehldiagnosen. Anstelle einer bipolaren Störung hätten die Mediziner häufig andere psychische Leiden diagnostiziert.

Die Fachleute streiten darüber, ob man tatsächlich von einer Art Epidemie sprechen kann oder ob man das gehäufte Auftreten der Persönlichkeitsstörung als Modekrankheit, geschaffen durch das Profitstreben der Pharmafirmen, betrachten sollte.
In Nordamerika und in Deutschland wächst zeitgleich die Zahl der Kinder, die an ADS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom erkranken. In den letzten Jahren stieg der Konsum von Medikamenten gegen ADS, wie zum Beispiel Ritalin, um das Zehnfache an. Im Jahr 2000 wurden in der BRD bereits 13,5 Millionen Tagesdosen eingenommen. In den USA ist der Pro-Kopf-Verbrauch zehnmal höher.

Über die Ursachen des epidemieartigen Auftretens von bipolaren Störungen und ADS herrscht seit einiger Zeit eine heftige Debatte. Während einige Mediziner die Gabe von Medikamenten gegen das neue deutsche Kinderleiden empfehlen, sehen andere die in dem gehäuften Auftreten der Aufmerksamkeitsschwäche den Ausdruck einer Art Massenhysterie. Hypochondern gleich entdecken die Bundesbürger demzufolge an sich oder ihren Kindern immer neue Leiden. Angeheizt wird die Angst vor neuen Psycho-Krankheiten durch die Werbefeldzüge der Pharmafirmen.

Disease monitoring lautet das gezielte Suchen neuer Märkte in deren Fachsprache. Um den Konsum anzukurbeln, werden zunächst Ängste in der Bevölkerung vor einer bis dato nahezu unbekannten oder seltenen Krankheit geschürt. Schon bald finden sich meist die ersten ängstlich gemachten Abnehmer des neuen Präparates. Heute liest und hört man in den Medien von Anti-Aging, Quarterlife-Crisis und Co. Immer mehr Krankheiten scheinen zu grassieren.

Seit 1990 stieg der Verbrauch von Psychopharmaka in Deutschland rapide an. Besonders bei Medikamenten gegen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen und gegen Depressionen hat sich die Nachfrage stark erhöht. Die Zahl der konsumierten Amphetamine nahm im Zeitraum von 1990 bis 2000 von etwa 1000 Kilogramm auf über 8000 Kilogramm zu. Es wurden mehr als 25 Millionen Rezepte für einzelne Antidepressiva wie etwa Zoloft oder Paxil ausgestellt - ein Milliardenmarkt.

Fast drei Milliarden Mark erzielte die Herstellerfirma Lilly in den letzten Jahren allein mit der Vermarktung des Antidepressivums Prozac. Vor einem Jahr lief der Patentschutz ab. Damit witterten auch andere Unternehmen ihre Chance, mit Psycho-Pillen Profit zu machen. Zyprexa lautet ein neu entwickeltes Medikament gegen bipolare Störungen.
Ein Trend zu Tabletten der gefährlich ist. Denn die Einnahme von Ritalin, Medikinet und Co. stellt einen massiven Eingriff in die psychische Entwicklung dar. Die Wirkung der Medikamente, zum der Beispiel gegen ADS, setzt direkt im Gehirn ein und kann damit langzeitige Folgen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern nehmen.

Zynisch ist zudem, dass Medikamente gegen ADS wie Ritalin oder das Amphetamin Adderall das Entstehen einer bipolaren Störung begünstigen können. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass das Risiko, an einer manischen Depression zu erkranken, durch die Pharmaprodukte verstärkt wird. Das heißt, die eine Krankheit wird medikamentös bekämpft, wobei die Tablettentherapie zugleich ein potenzieller Auslöser der nächsten ist.

Zu Recht sind viele Verbraucher verunsichert. Eltern suchen Rat in Seminaren und Selbsthilfegruppen. Der Umstand, dass die Pharmariesen die Kinder als neue Kundschaft entdeckt haben, verwirrt. Inwiefern sollte man den Warnungen vor neuen psychischen Massenleiden Glauben schenken? In welchen Fällen ist eine medikamentöse Therapie sinnvoll ?
Während sich viele Eltern mit diesen Fragen beschäftigen, tauchen schon die nächsten Modekrankheiten auf.
Seit einiger Zeit findet man in Zeitschriften immer häufiger Beschreibungen des Sisi-Syndroms. Experten bezweifeln, dass es sich tatsächlich um eine Krankheit handelt. Sie sind der Ansicht, dass das Sisi-Syndrom Modeerscheinungen wie den Wechseljahren bei Männern gleicht.

Namensgeberin der vermeintlichen Krankheit ist die einstige Kaiserin von Österreich. Angeblich litt sie unter Depressionen. Um sie zu verdrängen, überflutete sie ihre Freizeit mit Aktivitäten. Es ist fraglich, ob in Zeiten unsicherer Arbeitsplätze und steigendem sozialen Drucks das exzessive Ausleben von Hobbys, das viele Berufstätige an den Tag legen, nicht nur bloßes gesellschaftliches Novum anstelle einer Krankheit ist.
Für die Pharmaindustrie bedeuten mehr Krankheiten mehr Umsatz. Trendkrankheiten sind ein lukratives Geschäft in einer mit harten Bandagen arbeitenden Branche. Der Kampf um Patente ist unerbittlich. Beispielsweise will Pfizer, das Unternehmen, welches das Patent an Viagra für sich beansprucht, nun gegen Nachahmer vor Gericht gehen. Das vergleichbare Produkt von Bayer soll vom heißumkämpften Markt gedrängt werden.

Medikamente sind ein Milliardengeschäft. Bleibt nur zu hoffen, dass die Patienten nicht auf der Strecke bleiben, weil sie die Existenz jeder Modekrankheit unreflektiert schlucken.


zurück