Trotz aller Unterschiede haben wir eins gemeinsam, unsere Gefühle.
Sie sind angeboren und werden von allen Menschen in gleicher Weise gezeigt.
Schon Kleinkinder lächeln ihre Mutter an, ihre Mimik und Gestik unterscheidet sich kaum von der Erwachsener.
Freude, Trauer, Wut, diese emotionalen Regungen werden in allen Kulturen gleich ausgedrückt. Ob Asiat, Amerikaner oder Europäer, wir können erkennen, ob sich jemand ärgert oder amüsiert.
Ein Unterschied besteht allerdings in den Umständen, in denen Emotionen ausgelebt werden. Kulturelle Normen legen fest, in welchen Situationen Emotionen angemessen sind.

In unserer westlichen Kultur würde niemand auf einer Beerdigung oder in der Kirche laut lachen.
In anderen Ländern erwartet man genau das von den Gästen. Nicht überall wird ein Todesfall als Grund zur Trauer wahrgenommen. Abhängig von den Werten und Ansichten der Gesellschaft werden Gefühle gezeigt. Ähnlich ist es auch mit ´den Geschlechtern. „Indianer weinen nicht“, wird Jungen erzählt. Denn schon bei Kleinkindern werden, je nach Geschlecht, bestimmte Gefühlsregungen gefördert oder unterdrückt. Genauso wie die Attraktivität des Neugeborenen anhand des Geschlechts definiert wird, geschieht es auch mit Emotionen. Während der kleine Junge stark und kräftig aussieht, freuen sich Verwandte über das zarte, hübsche Mädchen.
Typisch Frau: Emotional, irrational, gefühlsbetont , so sieht unser Klischee aus. Aber ist das wahr ?

Aufgrund gesellschaftlicher Einflüsse reagieren viele Frauen wirklich emotionaler, als es Männer tun würden. Frauen neigen zu Gefühlsbetonung während bei Männern sachliches, rationales Agieren als positiv empfunden wird. Frauen sollten hingegen eher sanft und emotional reagieren.

Unsere Gesellschaft ist hier ausschlaggebend. Die soziale Erfahrung bestimmt die zukünftigen Gefühlsäußerungen einer Person. Denn auch wenn diese Unterschiede nicht angeboren sind, sind sie doch vorhanden. Sie sind durch Normen und Werthaltungen der Gesellschaft, in der wir leben, entstanden.

Aber nicht nur Normen, sondern auch unsere eigenen Gedanken entscheiden, was wir wann empfinden. Dass unser Denken und unsere Gefühle in einer Wechselwirkung stehen, ist kaum noch zu bestreiten. Allerdings wird der genaue Zusammenhang von Emotion und Kognition noch kontrovers diskutiert. Die Debatte gleicht der Frage nach dem Huhn und dem Ei. Was zuerst kommt, ist bis heute unklar.

Besonders die rationale Bewertung der Situation scheint allerdings wesentlichen Einfluss auf unser emotionales Erleben zu nehmen. In einem spannenden Experiment konnte das dokumentiert werden: Man zeigte verschiedenen Versuchspersonen einen Film über die Beschneidung junger Männer. Die Szenen waren für unser Empfinden brutal, blutig, bestialisch. Es wurde im Detail gezeigt, wie australischen Ureinwohnern der Penis von der Spitze bis zum Hoden eingeschnitten wurde.
Trotzdem empfanden nicht alle Probanden das Gezeigte als Provokation und abstoßendes Prozedere. Denn ihre Emotionen waren von der Vorinformation abhängig, die man ihnen gab.

Insgesamt erhielten die Testpersonen vier verschiedene Formen von Kommentaren.
Während das „Trauma-Kommentar“ die Brutalität betonte, wurde beim „intellekutalisierenden Kommentar“ die Sichtweise eines Anthropologen geschildert. Testpersonen, die mit dieser distanzierten, rationalen Bildbeschreibung konfrontiert wurden, zeigten weit weniger emotionale Regungen. Ebenso verhielten sich die Probanden, die mit dem „verleugnenden Kommentar“ konfrontiert wurden. Die Darstellung des Geschehens als erfreulichen Initiationsritus, als glücklichen Eintritt in die Welt der Erwachsenen, führte ebenfalls zu einer Reduktion der unangenehme Gefühle. Zum Vergleich erhielt die vierte Gruppe keinen Kommentar. Ihre Reaktionen befanden sich im mittleren Bereich.

Die starken Gefühle, die der erste, traumatisierende Kommentar erzeugte, zeigt eindrucksvoll die Wirkung unserer Kognitionen auf die Entstehung von Gefühlen.
Die Art der Information beeinflusst dabei unser Denken. Die resultierenden Kognitionen, also die gedanklichen Prozesse, prägen unser Fühlen in entscheidender Weise.
Das kennen wir auch aus dem Alltag. Überlegen Sie, wie Sie sich fühlen, wenn Ihnen im Bus jemand mit Absicht auf den Fuß tritt. Entschuldigt sich Ihr Gegenüber höflich und betont, dass es ein Versehen war, werden Sie vermutlich weit weniger wütend sein, als wenn der andere es gezielt tat, um sich aggressiv den Weg zur Tür zu bahnen.

Einen weiteren Beleg für den Einfluss der Gedanken kennen wir aus dem medizinischen Bereich.
Sicherlich haben Sie schon von dem sogenannten „Placebo-Effekt“ gehört.
Die Einnahme eines wirkungslosen Ersatzmedikamentes beschleunigt die Heilung, weil der Patient an dessen Wirkung glaubt. Bekanntlich ‚versetzt der Glaube Berge’. Ähnlich ist es auch im Fall der Gefühle. Je nach den Überlegungen, die uns durch den Kopf gehen, empfinden wir anders.

Trotz dieses starken Einflusses der Gedanken lassen sich unsere Gefühle zum Glück nicht völlig steuern. Und gerade unsere echten, spontanen Gefühle stellen eine wundervolle Bereicherung unseres Lebens dar. Würden wir nicht über Emotionen verfügen, besäße Nichts eine Bedeutung.
Zwar müssten wir uns weder ärgern noch über irgendwelche Dinge Trauer empfinden, aber auch Glück, Freude und natürlich die Liebe verdanken wir nur unserer Fähigkeit, Gefühle zu empfinden.


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